Ausbildung
Meine erste Ausbildung war im Metallbereich. Gar nicht meins, aber man kann nicht behaupten, ich hätte es nicht versucht. Wieder hab ich mich direkt am ersten Tag geoutet. In der Vorstellungsrunde, bei den KollegInnen, bei jedem neuen Trainer, immer und immer wieder. Es hat nicht so recht geklappt. Der erste Kommentar war „Ich dachte du wärst ein Mädchen.“ Oh well. Von anderen wurde mir dafür Respekt bekundet, dass ich mich damit so offen umgehen traue. Ich habe die üblichen Fragen gehört und mit der üblichen Geduld beantwortet. Einige wenige haben sich meinen Namen gemerkt. Bei den meisten kam es nicht an oder sie haben es vergessen. Eine Weile habe ich darauf
bestanden, mit meinem richtigen Namen und männlichen Pronomen angesprochen zu werden, aber irgendwann hatte ich keine Kraft mehr. Es war richtig deprimierend… In die Herrenumkleide durfte ich nicht. Das ist gesetzlich nicht möglich. Dem Chef wiederum wäre es egal gewesen, aber der Aufwand hätte sich nicht gelohnt. Mein Passing ist zu schlecht und mein Selbstbewusstsein begrenzt. Die Namenskreationen waren aber interessant. Wenn ich mal nicht ‚Frau [Nachname]‘ war, wurde ich häufig ‚Frau Tom‘ genannt, und war damit der einzige, der mit Vornamen angesprochen wurde. Es gab sogar ein 6-Augen-Gespräch, unter anderem darüber. Manche KollegInnen haben meinen Namen durchgehend auf die Reihe bekommen und meine Pronomen dann durcheinandergebracht. Irgendwann hatte es sich wohl herumgesprochen, dass diese eine Frau keine Frau sein will. Ein Trainer kam in der Pause zu mir und hat mich gefragt, ob es stimmt, dass ich lieber Thomas genannt werden möchte. Ich war positiv überrascht, aber ich werde das Gefühl nicht los, der sprichwörtliche bunte Hund gewesen zu sein…
Nach 2,5 Monaten hab ichs mit der Ausbildung aufgegeben und nach einer Alternative gesucht. Ich wollte etwas mit Computern machen und hatte Glück. Seit dem Wechsel geht es mir deutlich besser. Alle sind nett und die Arbeit gefällt mir unheimlich gut. Eigentlich ist alles richtig toll. Die Sache ist nur… der Kurs ist eigentlich nur für Frauen gedacht. Ein äußerst komisches Gefühl. Ich werde als Frau wahrgenommen und angesprochen. Und ich könnte gar nicht teilnehmen, wenn in meinem Pass kein „w“ stehen würde. Der Gedanke ist mir unangenehm. Zum einen, weil das einfach nicht ich bin. Es ist wie Schauspielerei. Zum anderen fühle ich mich ein bisschen wie ein Eindringling. Und ich habe Angst davor, was passieren könnte, wenn ich mich oute. Mein Therapeut meint, ich soll es einfach versuchen. Im schlimmsten Fall bleibt einfach alles wie es ist.
UPDATE
Ich habs getan! Und es ist so wahnsinnig gut gelaufen. Es gab keine Diskussion, keine indiskreten Fragen, nur ein paar lockere Gespräche und lieben Zuspruch. Ich bin wirklich erleichtert.
to be continued…
