Disclaimer: ich bin in Österreich und werde hier nur meine eigene Situation beschreiben. Jedes Land hat andere Gesetze zur Transition.
Man möchte meinen, ein Jahr wäre lang. Zu lang für viele. Wer sich entschließt, den Weg zu gehen, will oft keine Minute länger warten. Der Leidensdruck ist groß. Doch es zieht sich. Über 20 Psychotherapieeinheiten, 2 psychiatrische Gutachten, ein klinisch-psychologisches Gutachten, eine körperliche Untersuchung inklusive Bluttest und zum Schluss die psychotherapeutische Stellungnahme, dass alles da ist und alles passt, sind nötig bevor überhaupt irgendwas passiert. Mit Wartezeiten von Wochen oder Monaten für die einzelnen Termine ist zu rechnen. Die Krankenkasse übernimmt zwar die meisten Kosten, aber Spezialisten sind rar und nicht alle haben einen Kassenvertrag.
Ich war fast 2 Jahre lang in Therapie, weil ich nur etwa einmal im Monat einen Termin bekommen habe, der zeitlich in meinen Alltag gepasst hat. Ich hab die Zeit aber auch für mich gebraucht. Ich wusste zwar früh, dass ich kein Mädchen bin. Aber es gibt genug, über das man nachdenken und sich Sorgen machen kann. Im Sommer 2020 war es schließlich so weit: ich hatte meinen ganzen Papierkram zusammen, es hätte losgehen können. Oder?
Irgendwie gings dann doch nicht los. Meine Ausbildung ist anstrengend, auch wenn sie mir sehr gut gefällt, meine Psyche macht mir immer wieder zu schaffen, und ich konnte die Musik mit meiner alten Quietschestimme doch noch nicht gehen lassen. Ich hab mir also noch ein Jahr Zeit gelassen, um ein paar andere Baustellen zu bearbeiten, bevor ich mich ins große Abenteuer stürze. Nun hab ich ein kleines Problem. Meine Gutachten sind zu alt.
Die Krankenkasse akzeptiert die Unterlagen nur, wenn sie jünger als ein Jahr sind. Stressig, wenn man die Wartezeiten bedenkt, und dass das alles irgendwie „nebenher“ gehen muss, zusätzlich zum ganz normalen Wahnsinn. Meine sind von 2019 und 2020. Das heißt, ich darf jetzt alles nochmal von vorn machen. Nochmal zum Psychiater, nochmal zur Psychologin, nochmal mit meinem Therapeuten quatschen und hoffen, dass ich alles neu ausgestellt bekomme. Diesmal im Schnelldurchlauf, wenn alles gut geht.
Ich hab lang genug gewartet. Seit meinem ersten Outing sind über 4 Jahre vergangen. Ich weiß, dass es die richtige Entscheidung ist, aber ich hab einfach eine Weile gebraucht, mir darüber klar zu werden, was alles auf mich zukommt. Und ich denke, es ist wichtig sich die Zeit zu geben.
