Chest Binder

Wer sich ein bisschen mit Transsexualität beschäftigt oder selbst ftm ist, hat bestimmt schonmal davon gehört. Mein Lieblingskleidungsstück, die Rettung für meine dysphoriegeplagte Psyche: der Chest Binder.

Es dürfte nicht schwer zu verstehen sein, dass sich Transmänner nicht gerade über ihre Brüste freuen. Die sind einfach ungefragt gewachsen und nun sind sie da und wollen nicht mehr weggehen. Die allermeisten haben das Bedürfnis, sie zu verstecken, so gut es irgendwie geht. Und kommen vor lauter Verzweiflung auf die wildesten Ideen. Aber wie stellt man es nun wirklich an, die Brust flach zu bekommen, ohne auf lange Sicht irgendwas kaputt zu machen?

Ich will an dieser Stelle ausdrücklich davon abraten, irgendeine andere Methode als einen professionell gefertigten Binder zu nutzen. Die Risiken gehen von offenen Hautstellen über Kreislaufprobleme weil das Atmen eingeschränkt ist bis hin zu angeknacksten Rippen. Ein guter Chest Binder ist zwar fest und eng, aber trotzdem weich und dehnbar genug, um solche Unfälle zu vermeiden. Im Prinzip ist ein Binder nichts anderes, als ein knapp geschnittener Sport-BH. Mit dem Unterschied, dass er die Brust nicht stützt, sondern möglichst verschwinden lässt.

Ich hab 8 Binder von 4 verschiedenen Herstellern da. Zwei davon sind viel zu labbrig. Das einzige, was daran nicht zu weit ist, sind die zu engen Armlöcher. Völlig unbrauchbar. Außerdem ist der „Stoff“ schrecklich. Ich würde behaupten, mit einem ordentlichen Sport-BH wäre man besser beraten. Fun Fact: das sind die mit Abstand teuersten, die ich besitze. Dann hab ich zwei mit Häkchen an den Seiten, die absolut nicht nachgeben. Dafür sind die Träger mehr als weit genug. Das genaue Gegenteil also, aber auch zu wenig zu gebrauchen. Ich frage mich immer wieder, wie ich das ein ganzes Jahr lang ausgehalten hab. Mit meinem Half Binder von gc2b kam endlich der erste zufriedenstellende Chest Binder. Die Rückseite ist etwas dünner und dehnbar, die Vorderseite ist ziemlich dick und fest. Insgesamt macht das Ding was es soll. Und mit der Baumwollschicht innen fühlt er sich auch gut auf der Haut an. Schließlich hab ich noch ein 3er-Pack Cotton Lined Power Chest Binder von Underworks bekommen. Wie der Name schon sagt, haben die auch eine Baumwollschicht. Da sie sich etwas mehr dehnen, bin ich nicht 100% glücklich damit. Aber es sind die angenehmsten Binder, was das Tragegefühl betrifft, und haben mir in den letzten Jahren gute Dienste erwiesen.

Chest Binder kosten meist zwischen 20 und 50 Euro und sind damit im Preisbereich eines etwas besseren BHs. Viele Modelle haben auch eine ähnliche Form. Manche haben Ärmel und gehen bis zur Hüfte, wie ein T-Shirt Andere sehen aus wie Tank-Tops. Auch die Art, wie sie angezogen werden, kann unterschiedlich sein: Haken, Reißverschluss, Klettverschluss oder nichts davon. Letztere zieht man entweder mit etwas Geschick über den Kopf, oder schlüpft mit den Beinen zuerst rein und zieht sie dann über die Hüfte hoch. Was davon am besten geeignet ist, kann ich nicht sagen. Das ist wohl Geschmackssache.

Bei der Wahl eines Binders ist es erstmal wichtig, die richtige Größe zu bestellen. Normalerweise gibt es Größentabellen auf der Webseite des jeweiligen Herstellers. Da Chest Binder sowieso sehr eng sind, ist es nicht empfehlenswert, absichtlich eine Größe kleiner zu nehmen – dann kommt man entweder erst gar nicht rein oder wenn doch, nicht wieder raus. Vor allem wenn man etwas schwitzt, ist es richtig Arbeit, sich aus einem Binder zu befreien. Ebenso wichtig wie die Größe ist das Material. Wenn es zu weich ist, ist der Binder nutzlos. Ist es zu fest, sind die Rippen in Gefahr. Wenn irgendwas anfängt weh zu tun, so schnell wie möglich ausziehen und einen anderen besorgen. Insgesamt sollte ein Binder nicht länger als 8 Stunden am Tag getragen werden, und nicht zum Schlafen, damit der Körper sich ausreichend erholen kann. Das ist nicht immer möglich, aber als Richtwert im Auge zu behalten.

Was sonst noch hilft, ist weite Kleidung, in der sich wenig Körperform abzeichnet. Hoodies mit Kängurutaschen zum Beispiel, lockere Shirts mit Aufdruck bzw. Mustern oder offen getragene Hemden über dem Shirt. Aber keine Querstreifen, die betonen das eher, was wir nicht betont haben wollen.

Am Ende läuft es für viele auf eine Mastektomie hinaus, die mit diesen Problemen endgültig Schluss macht. Bis es so weit ist, vergehen aber oft ein paar Jahre, die man irgendwie überstehen muss. Vielleicht helfen die Tipps hier ja dem ein oder anderen dabei.

PS: Ich bekomme übrigens kein Geld für die „Werbung“ und habe auch sonst nichts mit den genannten Herstellern zu tun, abgesehen davon, dass ich dort einkaufe.

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