Transsexualität – mein Weg über die letzten 6 Jahre

Ein Gastbeitrag

Wie alles begann

Hallo. Erstmal zu mir: Ich bin ungefähr 30 Jahre alt, Autistin, habe diverse psychische Krankheiten und wohne in einer kleinen, beschaulichen Stadt. Heute möchte ich euch mitnehmen auf einen Teil meines Lebensweges, den Teil, der mit der Transsexualität zu tun hat.

Die Frage, die meist als erste kommt, ist „Wann wusstest du es?“ Für mich ist die Antwort nur halb klar. Ich wusste schon immer, dass ich anders war, und mich bei den Mädchen besser aufgehoben gefühlt habe. Wirklich erkannt, dass ich trans bin, hab ich, als ich eines Abends eine Sendung über eine Transperson im Fernsehen gesehen hab und dachte „Das könnte ich sein“. Damals war ich 12.

Mein erstes Outing waren eigentlich 3 Outings. Das erste bei meinem Vater: Wir waren im Urlaub und ich und er saßen eines Abends am Strand und irgendwas gab mir den Impuls, darüber zu sprechen. Ich erzählte es meinem Vater so gut ich konnte, mit den Worten, die ich damals hatte. Es war schwierig und er reagierte nicht unterstützend. Er hatte – wie ich mittlerweile weiß – Angst davor, dass ich mich unglücklich mache.

Bei meiner Schwester habe ich mich auf einem 2er Segelboot geoutet. Sie meinte, dass ich dann ja im sitzen pinkeln sollte wie eine Frau. Es war nicht unterstützend, was von ihr kam.

Wenig später kam ich wegen etwas anderem in eine psychiatrische Klinik, wo ich mich nicht traute was zu sagen, da mein Vater es mir so gründlich ausgeredet hatte.

Springen wir ein paar Jahre vor. Ich bin 20 und habe mein Abi. Ich habe vor, am KIT zu studieren. Ich habe es geschafft, mich mit Kleidung an den Rand dessen zu katapultieren, was unser binäres Geschlechterleben her gibt, sodass viele nicht wussten, ob ich ein Mann oder eine Frau bin. Ich lernte die zweite Liebe meines Lebens kennen. Ich sagte ihm von Anfang an, was Sache ist. Er verstand es auch – dachte ich zumindest. Wir zogen zusammen und ich lebte als schwuler Mann (immer wenn jemand fragte, wer der weibliche Part der Beziehung sei, dachte ich „ich!“ und mein Freund erklärte ihnen, dass es sowas in einer schwulen Beziehung nicht gebe) ich dachte damals ich könnte das aushalten. – Ein Trugschluss, wie ich am Ende meines Studiums fest stellte. Ich musste raus aus dem ganzen Männlichen für mich, es waren Schmerzen wie wenn man das Herz verreißt. Jedes „Deadname“ tat weh, jedes „er“ tat weh.

Ich trennte mich von meinem Freund, um den Weg gehen zu können, den ich gehen musste. Ich suchte mir einen neuen Job und fand einen, noch in der Probezeit fing ich mit psychotherapeutischen Sitzungen an. Mein Therapeut, ein alter Mann, meinte, dass alles gut sei, wenn ich die Transition durch hätte.

Freunde sind die, die bleiben, auch wenn du verrückt bist

Eines meiner ersten Outings galt meinen Freunden. Einer kam damit nicht klar und ghostete mich „das wird nie wie du dir das Vorstellst, das ist gegen Gott!“ meine anderen Freunde nahmen es zum größten Teil gut auf. Ich bestellte ein paar Kleider bei Otto und eine Brustprothese bei einem Hersteller der darauf ausgerichtet war.

Was mich wirklich störte und immer noch stört sind meine Haare, widerborstige dünne Teile, mit denen man nichts tun kann. Eine Freundin schlug vor, ich könne eine Perücke kaufen. Wir würden zusammen einkaufen gehen.

Ich war aufgeregt für zwei, als wir vor dem Perückenladen standen, und ich den Mut fassen musste, rein zu gehen. Im Laden war es dann ruhig, wir waren die einzigen Kunden, ich beschrieb der Verkäuferin was ich in etwa haben wollte. Wir probierten sehr viele Perücken aus. Die meisten scheiterten an meinem Dickschädel. Am Ende fanden wir eine die passte, man sah auf den ersten Blick auch nicht, dass es eine Perücke war.

Meine Freundin meinte nur dass sie interessieren würde was die Verkäuferin dachte. – Das hätte ich auch gerne gewusst.

Ich musste aufs Klo nach dem Perückenkauf, wir gingen in ein Kaufhaus und dort zur Toilette, ich wollte aus Gewohnheit auf die Herrentoilette und wurde dann angebeffzt, dass ich auf die Damentoilette zu gehen habe. – Klofrauen, die Wächter der Zweigeschlechtlichkeit. Dazu aber später mehr.

Zur selben Zeit wie ich outete sich ein Freund von mir ebenfalls als trans. Und ich lernte, dass es verschiedene Ansätze gibt, damit umzugehen, meiner, der mit dem Kopf durch die Wand geht und einen, der deutlich langsamer vor sich geht.

Wir waren oft Abends auf Veranstaltungen damit ich mich an mein neues „ich“ gewöhnen konnte. Eines Tages waren wir auf einem Fest eines Lokalen Autismusvereins. Ich war natürlich als Frau unterwegs – dazu gleich mehr.

Outing in der Arbeit

Einer der Punkte, vor denen ich am meisten Angst hatte, war das Outing in der Arbeit. Ich hatte mich bereits nach meinem letzten Psychiatriebesuch als Autist geoutet, aber von trans noch nichts gesagt.

Aber… Ein Kollege von mir hatte mich auf dem Fest gesehen und einer unterstützenden Mitarbeiterin für Autisten Bescheid gesagt. Ich wollte mich zuerst vor ihr outen, doch sie wusste das schon. Meinen direkten Vorgesetzten baten meine Kollegin und ich zu einem Gespräch unter 6 Augen. Wir sprachen etwa eine Stunde als ich mich geoutet hatte, er hatte viele Fragen, primär wie es in der Arbeit und mit dem Team weitergehen soll.

Es gab bei uns immer Freitags ein Meeting bei dem alle anwesend waren. An diesem Tag schlug mir das Herz bis zum Hals. Ich hatte keine Spucke mehr und wäre am liebsten weggelaufen. Wie würden die anderen reagieren? Im Meeting übergab mein Chef als erstes das Wort an mich. Ich fing 2 mal an zu reden, beim 3. Mal klappte es. „Ich muss euch was sagen, ich bin $name und eine Frau“ Die Kollegen verhielten sich ganz anders als erwartet, eine Kollegin sagte, dass sie eine Wette gewonnen hätte, niemand äußerte Unmut darüber. Mein einer Kollege, der mit mir in der C Programmierung tätig war, meinte, dass das cool sei, weil ich die erste weibliche C Prorgammiererin in der Abteilung sei.

Anfang des Weges, Endokrinologe und Suizidversuch

Was jetzt kommt fällt mir schwer zu erzählen, aber es gehört mit zu meinem Weg. Allen, denen Suizid zu nahe geht, empfehle ich, diesen Abschnitt nicht zu lesen.

Ich hatte lange gekämpft, von meinem Psychotherapeuten die Indikation für eine Hormontherapie zu bekommen. Ich war zu diesem Zeitpunkt sicherlich 6 Monate überall out. Die Endokrinologin meinte sie wisse nicht, ob sie das Risiko eingehen könnte, mit mir eine Hormontherapie anzufangen. Sie meinte, noch mehr „Genuntersuchung“ und einige weitere Worte fielen, die ich aber nicht mehr wirklich wahrnahm. In meinem Kopf kreiste es „keine Hormontherapie, also auch keine OP, du kannst genauso gut sterben.“

Ich war danach noch bei einem Urologen wegen Problemen mit der Blase. Er meinte, ich sollte erst die Probleme weg bekommen, bevor ich an sowas wie eine OP denke, kein Urologe würde das Risiko eingehen, mich mit den Problemen zu operieren. In dem Moment zerbrach etwas in mir, ich rannte schreiend und heulend aus der Praxis. Fuhr mit dem Auto heim und hab mich umgebracht.

So hätte die Geschichte enden können, hätte ich nicht einen Freund gehabt, der aufmerksam war, und der merkte, dass etwas mit mir nicht stimmte, gar nicht stimmte. Er rief für mich den Notarzt und rettete damit mein Leben – wenn du das liest, danke nochmal. – Ich war daraufhin mehrere Monate in der Klinik, ohne Hormone, aber ich bekam auch beim Endokrinologen einen Termin rasch danach, wir konnten die Hormontherapie anfangen, die Gefahr einer Thrombose sei erblich gering.

Ich war noch nie so glücklich, mit den Hormonen ging es mir sofort besser, sie hatten noch nichts bewirkt, aber mein Körper bemerkte sie schon. Ich wäre umsonst gestorben, wenn ich Erfolg gehabt hätte. Deswegen an alle: Leben geht weiter, immer.

Heute

Ich lebe nun seit 4 Jahren als die, die ich bin. Eine Frau in ihren frühen Dreißigern, jemand, der lebt. Jemand der die Wirrungen hinter sich hat. Für mich hat sich nach der Hormontherapie ergeben, dass ich keine operative Anpassung meines Intimbereichs möchte. – Die Deaktivierung der Organe reicht mir.

Hinterlasse einen Kommentar