Die Pubertät eines verwirrten Jungen

Es fing an, als ich 7 oder 8 Jahre alt war. Mein Lieblingsfilm war damals „George, der aus dem Dschungel kam“ (eine recht witzige Tarzan Parodie mit Brendan Fraser von 1997), mein Lieblingsbuch das Dschungelbuch von Rudyard Kipling. So wollte ich aussehen, wenn ich groß werde. Wild, muskulös, und lange Haare. Auch wenn man die in unserer Gesellschaft eher mit Frauen verbindet, das war mir egal. Mogli hat lange Haare, also kann ich auch lange Haare haben. Sonst habe ich alles abgelehnt, was auch nur irgendwie weiblich konnotiert war. Glitzer, Puppen, Rosa, Shopping… Dass ich kein Mädchen bin, konnte ich sogar artikulieren – mir hat nur niemand richtig zugehört. Ich war ein Junge. Ganz tief drin wusste ich das. Ich wollte oben ohne herumlaufen, mich dreckig machen, raufen, alles was man mit typischen kleinen Jungs verbindet. Mit den Mädchen habe ich nicht so gern gespielt. Die waren irgendwie anders. Meine Mitschüler und Mitschülerinnen habe ich einmal gebeten, mich bei dem Namen zu rufen, den meine Eltern mir gegeben hätten, wenn ich als Junge auf die Welt gekommen wäre. Ich habe mich in die Jungsumkleide geschlichen und aufs Jungsklo, mit meinen Freunden. Die Kinder hat das nie gestört, oder ich hab es nicht mitbekommen. Der Lehrer hat mich jedes Mal erwischt und raus geworfen.

Die Jahre vergingen. Plötzlich hat mein Körper angefangen sich zu verändern. Ich hab Haare an neuen Stellen bekommen. Mein Intimbereich hat Dinge gemacht, die so ein Körper eben macht, wenn er zu einer Frau werden will. Ich hab das alles hingenommen, ich wusste, was passiert, und ich dachte, dass ich es nicht ändern kann. Aber dann wurde aus meiner flachen Brust auf einmal eine Hügellandschaft. Ohne mein Zutun, ohne dass ich je darum gebeten hatte. Ich habe Brüste bekommen. Erst noch so klein, dass ich sie unter einem weiten Pulli verstecken konnte. Ich habe mir geschworen, nie einen BH zu tragen. Wie oft bin ich im Bett gelegen, hab an mir hinunter geschaut und mir gewünscht, dass sie wieder verschwinden. Ich wollte das nicht, es hat sich falsch angefühlt. Aber ich konnte mit niemandem darüber reden.

Ich war inzwischen im Gymnasium, in einer reinen Mädchenklasse. Ich hatte Rotz und Wasser geheult, als ich das erfahren hatte, aber es wurde nicht geändert. Nachdem ich mich beruhigt hatte, hab ich versucht, mich irgendwie in die Klassengemeinschaft einzufinden. Ich wollte dazugehören. Habe mich feminin gekleidet, meine Haare schön gemacht, versucht, mich zu schminken. Es ist mir mit keinem Trick gelungen. Ich hatte ständig das Gefühl, dass mir männliche Mitschüler fehlen, um miteinander langsam erwachsen zu werden. Wenn ich am Schulhof die anderen beobachtet habe, wurde mir das immer wieder bewusst. Zu anderen Jugendlichen hatte ich wenig Kontakt, bin nach der Schule direkt nach Hause gekommen und meine Freundschaften waren lose bis nicht vorhanden. Manchmal haben mich Fremde gefragt, ob ich ein Junge oder ein Mädchen sei. Trotz der langen Haare sah ich anscheinend recht androgyn aus, wenn ich ungeschminkt war. Leider hatte ich gelernt, dass das Geschlecht eines Menschen durch die Genitalien bestimmt wird. Unveränderlich, unverrückbar. Also fühlte ich mich gezwungen, die „Wahrheit“ zu sagen, auch wenn es mir jedes Mal einen emotionalen Stich versetzt hat.

Ich habe das Thema mehr und mehr verdrängt. Ich habe keine Chance für mich gesehen, und versucht, mich mit der Tatsache zu arrangieren, dass ich ein Mädchen bin, und eine Frau werde. Für immer. Ich war 15 und hatte meinen ersten festen Freund. Es war wunderschön. Er war ein total lieber Mensch, ähnlich verrückt wie ich, meine Eltern haben sich gut mit ihm verstanden, mein Leben schien sich in eine gute Richtung zu entwickeln. Aber wo Sonne ist, ist immer auch Schatten. Ich hatte Streit mit meinen Eltern, fühlte mich in der Schulklasse nach wie vor ausgeschlossen und hatte keine Ahnung, wer ich eigentlich bin. Mir ging es echt nicht gut. Die Zeit hat nichts geheilt, es wurde nur schlimmer. Ich kämpfe bis heute damit, aus diesem Horror wieder rauszukommen. Die Idee, dass ich im Inneren ein Mann werden will, war in all dem Chaos fast in Vergessenheit geraten. Aber alle paar Monate kam sie zurück. Ich wusste es zu benennen, aber es war Lichtjahre davon entfernt, Realität zu werden. Daher habe ich den Gedanken immer wieder von mir weggeschoben und als junge Frau weitergemacht. Eine Ewigkeit lang. Bis Ende 2016.

Da ist dieses Gefühl wieder aufgetaucht, immer häufiger, immer stärker. Ich habe mich nur noch maskulin gekleidet, meine langen Haare unter einer Mütze versteckt, mich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt. Eine sehr gute Freundin hat mir damals die entscheidende Frage gestellt „Sicher, dass du kein Mann bist?“ Nein, absolut nicht sicher! Ich saß vor einem YouTube Video, als ich es meinem Freund gesagt habe. Wir haben uns im Frieden getrennt, er hat mich dennoch immer unterstützt und wir sind immer noch eng befreundet. Im Februar 2017 habe ich schließlich den für mich wichtigsten Schritt gemacht: Ich habe meine Haare kurz geschnitten. Der symbolische Beginn meiner Transition. Ich war 21. Die Pubertät ist da denke ich schon vorbei. Und die zweite kommt erst noch. In diesem Sinne, alles Gute, ganz viel Mut und bis zum nächsten Mal!

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